„Nils-Holger Böttger verdient meinen größten Respekt“

„Nils-Holger Böttger verdient meinen größten Respekt“

Enthüllungsjournalist Günter Wallraff solidarisiert sich mit Enercon-Aktiven

 

F: Herr Wallraff, am Freitag verhandelt das Magdeburger Arbeitsgericht über die fristlose Kündigung von Nils-Holger Böttger durch seinen Arbeitgeber. Böttger ist Betriebsratsvorsitzender der Enercon-Tochter WEA Service Ost GmbH und hat sich für die Gleichbehandlung von Leiharbeitern eingesetzt. Der Arbeitgeber behauptet, der Betriebsratsvorsitzende habe damit seine Kompetenzen überschritten und wirtschaftlichen Schaden für das Unternehmen verursacht. Wie bewerten sie die Kündigung?

 

A: Die Kündigung ist ein durchsichtiger Versuch, den Kollegen und damit auch alle, die sich bei Enercon für mehr Mitbestimmung und faire Arbeitsbedingungen einsetzen, einzuschüchtern. Was Nils-Holger Böttger gemacht hat, gehört zu seinen Kernaufgaben. Er hat bei einer Leiharbeitsfirma, die lange mit Enercon Geschäfte machte, auf eine anständige Behandlung der Kollegen gedrängt. Als Betriebsrat ist er allen Beschäftigten des Unternehmens verpflichtet, und dazu gehören eben auch die Leiharbeiter. Sie bekommen häufig weniger Geld für gleiche Arbeit und haben weniger Rechte als die Stammbelegschaften. Solidarität heißt, sich für die Schwächeren einzusetzen. Das hat Nils-Holger Böttger gemacht, und dafür verdient er größten Respekt.

 

F: Auch Sie wurden schon von vielen Unternehmen, über die Sie recherchiert haben, vor Gericht gezogen. Was geben Sie dem Kollegen mit auf den Weg?

 

A: Er soll sich nicht einschüchtern lassen, denn er hat richtig und vorbildlich gehandelt. Mit den Rechtsanwälten der IG Metall ist er gut beraten, für die ist das leider kein Einzelfall. Es ist aber auch wichtig, dass möglichst viele Menschen zum Termin nach Magdeburg kommen. Sie können zeigen, dass der Kollege nicht alleine ist und dass es eine breite öffentliche Unterstützung für Mitbestimmung bei Enercon gibt.

 

F: Welche Rolle kann die Öffentlichkeit in einer Auseinandersetzung wie bei Enercon spielen?

 

A: Eine entscheidende. Solche Konflikte werden nicht nur vor Gericht oder im Betrieb entschieden, sondern genauso in der Öffentlichkeit. Das weiß ich aus meiner Arbeit. So hat die Betriebsratsvorsitzende der Volksbank Ludwigshafen nur mit öffentlicher Unterstützung die Attacken des Mobbingspezialisten Naujoks stoppen können, weil der Bank-Vorstand sich in der Öffentlichkeit für die eigenen und die Untaten dieses Schreckensanwalts nicht mehr rechtfertigen konnte. Mit eigenen Flugblättern und in den Medien wurde über den Konflikt berichtet und gleichzeitig ein Kundenboykott organisiert. So etwas kann das betreffende Unternehmen zusätzlich unter Druck setzen. Auch Enercon will seine Produkte verkaufen, das ist schwerer, wenn man als brutaler Arbeitgeber überführt wird.

 

F: Enercon sagt, Betriebsräte seien gut – nur sollen sie nicht in der Gewerkschaft sein. Sie sind seit fast 50 Jahren Gewerkschaftsmitglied. Wie bewerten Sie diese Aussage?

 

A: Sehen Sie, ein Betriebsrat kann alleine nichts durchsetzen, er braucht immer die Unterstützung seiner Belegschaft. Und die ist am stärksten, wenn die Kollegen sich zusammentun und gemeinsam, demokratisch und entschlossen für ihre Interessen einstehen – genau das ist im Kern eine Gewerkschaft.

 

F: Die fristlose Kündigung von Nils-Holger ist nicht der einzige Skandal bei Enercon. Auch Beschäftigte aus anderen Unternehmens-Töchtern berichten über massive Einschüchterungen, grundlose Versetzungen und andere Versuche, Mitbestimmung zu unterdrücken. Wäre Enercon nicht auch ein Fall für ihre Fernseh-Sendung „Team Wallraff – Reporter undercover“?

 

A: Wir sind an ähnlichen Willkür-Fällen dran. Da passt Enercon genau in dieses Täterprofil, es sei denn, sie besinnen sich eines Besseren, siehe Volksbank Ludwigsburg!

 

Günter Wallraff

Günter Wallraff

4 Kommentare
  1. Ein solches Verhalten wäre wünschenswert.

    Aktuell werden Beschäftigte von Aero Haren-Ems drangsaliert. Der frisch gewählte Betriebsrat ist zur ersten Schulung und die Firmenleitung ordnet unter massivem Druck Samstags-und Mehrarbeit an, gleichzeitig werden Leiharbeiter heim geschickt.

    Feige, hinterhältig und leider keine Besserung in Sicht. Man zerstört die Firma ohne Rücksicht auf Verluste.
    IST DAS GESCHÄFTSFÜHRUNG ? Setzen 6.

  2. Man kann nur hoffen, dass die Öffentlichkeit großen Anteil an dieser Sache nimmt. Nur der Druck der Bevölkerung, hier auch insbesondere durch die Arbeit der Vertrauensleute und Betriebsräte anderer Betriebe, führt bei den Verantwortlichen zu einer humanen Lösung.

    Also an alle Vertrauensleute und Betriebsräte: Aktivitätren starten, publik machen und fleißig Unterschriften Sammeln! Haut eure Verwaltungsstelle an, die sorgen für Material wenn nötig. Nils-Holger braucht unsere Solidarität!

    Olaf Perau, Winkelmann Elektromotoren, Uelzen

  3. Moin liebe igm,
    Ich habe am samstag den artikel in der oz gelesen und bin schokiert leuts wacht auf enercon hat die macht in aurich und bei geld sagt auch die politik oder landkreis nichts mehr? Enercon hat geld und finanziert durch gewerbesteuern aurich das war so klar das die kleinen arbeiter als lügner da gestellt werden ihr oder wir haben keine chance enercon verarscht ihr schön weiter speist eure mitarbeiter weiter mit nem hunger lohn ab und kassiert schön steuern vom staat super ganz klasse

  4. In Dänemark braucht man keine Betriebsräte, dort hat man Unternehmens-Patrioten und Unternehmenskultur, „Unternehmensfamilie“.

    „Für die Studierten Kapitalidioten“ als Erklärung.
    >> Als Patriotismus wird eine emotionale Verbundenheit mit der eigenen Nation bezeichnet. Im Deutschen wird anstelle des Lehnwortes auch der Begriff „Vaterlandsliebe“ synonym verwendet.<<

    Sind es in Deutschland keine Patrioten mehr, sondern nur noch viele Idioten?
    "Manage-men(t)idioten"

    Mit freundlichen Grüßen
    Werner Kleyer

    Mitglied im Betriebsrat
    Blohm + Voss Shipyards GmbH

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