Das gehört in einer Demokratie dazu

»Das gehört in einer Demokratie dazu«

Enercon sollte mit der IG Metall kooperieren und sagen: »Wir haben gepennt, jetzt machen wir es vernünftig«.
Ein Interview mit Carsten Müller

 

Dr. Carsten Müller ist Professor für Gesellschafts- und Sozialpolitik am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Hochschule Emden/Leer

 

Interview mit Prof. Carsten Müller in Emden

Prof. Carsten Müller

 

F: Herr Müller, Sie sind Wissenschaftler an der Hochschule Emden. Warum interessieren Sie sich für die Auseinandersetzungen bei Enercon?

 

A: Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist unserer Hochschule das Thema Nachhaltigkeit sehr wichtig. Dazu gehört die ökologische Nachhaltigkeit – wie in der Windenergie –, die wirtschaftliche Nachhaltigkeit genauso wie die soziale Nachhaltigkeit. An Enercon lässt sich meines Erachtens gut beobachten, was passiert, wenn die soziale Dimension der Nachhaltigkeit vernachlässigt wird.
Der zweite Grund ist, dass es unserer Hochschule sehr wichtig ist, regional zu wirken und mit Organisationen und Unternehmen der Region, wie z.B. Enercon, zu kooperieren. Ich persönlich denke aber, gerade in der Wissenschaft haben wir eine umfassende Verantwortung. Wenn ich mit Unternehmen kooperiere, muss ich diese darauf hinweisen und darauf drängen, dass es soziale Standards gibt, die sie auch einhalten müssen. Und da gehört die Auseinandersetzung ums Betriebsverfassungsgesetz bzw. um Betriebsräte eindeutig dazu. Mitbestimmung ist für mich ein Kernbestandteil von Demokratie.

 

F: Sie beschäftigen sich zudem mit dem sogenannten Community Organizing. Dabei geht es darum, dass sich Bewohner einer Gemeinde oder eines Stadtviertels gemeinsam organisieren, um aktiv für ihre eigenen Interessen einzustehen. Oft stoßen sie dabei auf Widerstände. Das klingt doch gar nicht so verschieden zu dem, was die Enercon-Kollegen gemeinsam mit der IG Metall versuchen. Was würden Sie ihnen raten?

 

A: Erstmal finde ich es enorm mutig, was die Kolleg_innen tun. Mut ist eine der Kardinaltugenden der Demokratie. Dafür haben sie meinen größten Respekt.
Wir haben im Community Organizing einen Grundsatz: Macht – im Englischen: Power – baut sich entweder über Geld oder über Menschen auf. Für die zweite Variante braucht es ein Netz an solidarischen Beziehungen. Ich würde den Kolleg_innen wünschen, dass sie Menschen in Ihrer Umgebung, in ihren Familien, in der Nachbarschaft, in den Kirchen, der Zivilgesellschaft wie auch in der Gewerkschaft finden, die sagen: »Leute, ihr habt Recht, setzt euch für eure Rechte ein, weiter so!« Kurz: Sie brauchen Menschen, die sich solidarisch erklären und ihnen den Rücken stärken. Ich bin fest überzeugt, dass die Auseinandersetzung positiv für die Kolleg_innen ausgehen wird und dass sie ihre Mitbestimmung durchsetzen können.

 

F: Enercon äußert sich bisher praktisch nicht zum Vorwurf, Mitbestimmung zu behindern oder bestreitet ihn, ohne auf konkrete Kritik einzugehen. Wie erklären Sie das Verhalten des Konzerns? Eigentlich hat ein so erfolgreiches Unternehmen so etwas doch gar nicht nötig.

 

A: Mein Eindruck ist, dass bei Enercon die sozialen Strukturen einfach nicht mit dem immensen Wachstum des Unternehmens mitgekommen sind. Aber eine alte patriarchale Struktur passt nicht mehr in die moderne Arbeitswelt. Es mag ja sein, dass die Enercon-Führung glaubt, sich als guter Vater um ihre Kinder zu kümmern. Doch es kann nicht sein, dass es einen einen Klapps gibt, wenn sie nicht spuren. Denn die Kinder sind erwachsen. Sie haben eigene Rechte und sind Partner für den Betrieb. Sie haben ja eigentlich ein ähnliches Interesse wie die Geschäftsführung, nämlich dass Enercon erfolgreich bleibt. Mein Tipp: Enercon sollte der Gewerkschaft die Tür öffnen und sagen: »Wir haben gepennt, jetzt machen wir es vernünftig«.

 

F: Enercon steht auf dem Standpunkt, dass gewerkschaftlich aktive Mitarbeiter, die sich für Mitbestimmung engagieren, nicht im Interesse des Unternehmens handeln.

 

A: Man muss sich vergegenwärtigen, warum es das Betriebsverfassungsgesetz und Betriebsräte gibt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wusste man um die unheilvolle Verbindungen zwischen Faschismus und Großkapital. Eine mögliche Konsequenz wäre gewesen, Betriebe zu sozialisieren bzw. zu verstaatlichen; das wollten im Übrigen kurzzeitig auch die konservativen Parteien. Man hat sich dann aber entschieden, gewissermaßen als Alternative, die Arbeiter_innen stärker in den Betrieb einzubinden. Nicht nur, damit sie mehr Rechte erhalten, sondern auch, um Ansätze einer demokratischen Struktur in den Betrieben zu schaffen.
Dazu gehören dann Konflikte: Konflikte sind nichts Schlechtes. Wenn die Leute sich beschweren, dass etwas nicht in Ordnung ist, kann man das als Angriff werten. Man kann es aber auch als Chance sehen, genau hinzugucken und die Sachen zu verändern. Letztendlich tut es dem Betrieb ja gut. Das gehört in einer Demokratie dazu.

 

F: Es geht also auch um soziales Handeln im Betrieb?

 

A: Soziales Handeln im Betrieb bedeutet nicht nur gutes Geld für gute Arbeit, Equal Pay für Leiharbeiter_innen oder Arbeitsschutz usw.. Letzten Endes geht es auch darum, die Belegschaft daran zu beteiligen, wie sich das Unternehmen weiterentwickeln soll. Ich weiß, da gibt es in unserem Denken noch oft gewisse Grenzen. Doch ich glaube, dies wäre ein Zukunftsweg und eine Frage guter innerbetrieblicher Kultur. Es ist nicht gut für ein Unternehmen, wenn sich das Management von den Kolleg_innen im Betrieb abkoppelt und sich zwei Welten bilden, die dann nichts mehr miteinander zu tun haben. Ein Geschäftsführer der spanischen Kooperative Mondragón – das ist eines der größten Unternehmens Spaniens und die weltgrößte Genossenschaft – sagte mal, er will nach der Arbeit gemeinsam mit den Kolleg_innen in einer Kneipe einen Wein trinken können. Ein guter Chef ist an der Arbeit, den Ideen und der Lebensweise seiner Mitarbeiter interessiert – und lernt bestenfalls von ihnen!

 

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